Buchempfehlung im Mai (3)

El Hachmi, Najat: Eine fremde Tochter

Länder/Völker

Najat El Hachmi (*1979) ist eine katalanisch-marokkanische Autorin, die heute in Barcelona lebt.
2015 gewann sie für „Eine fremde Tochter“ den San Juan-Preis und den Ciuat der Barcelona-Preis als bester katalanischer Roman.

Das Buchcover des Romans – besser gesagt das Portrait des wunderschönen Mädchens – war der Grund, warum ich das Buch angefangen zu lesen.

Najat El Hachmi erzählt eine Emanzipationsgeschichte einer jungen Marokkanerin, die nach Spanien auswandert. Dort lebt sie im Zwiespalt zwischen ihrer traditionell muslimisch geprägten Heimat und der Verlockungen einer liberalen Gesellschaft. Während die Tochter Bücher und das Denken liebt, versucht die sittenstrenge analphabetische Mutter aus der Tochter eine gute Muslima zu machen. Besonders offenbar werden die Unterschiede bei Besuchen in der alten Heimat.

Das Frauenbild der Familie entsetzt einen beim Lesen ebenso wie die früh fallende Entscheidung der Ich-Erzählerin, einer Zweckehe zuzustimmen. Der Sohn des Onkels, ihr Cousin ,steht zu diesem Zweck bereit. Wenn sie ihn heiratet, darf er nach Europa. Nach der Heirat verbringt der junge Ehemann seine Tage auf dem Sofa und in der Nacht macht er sich über seine Ehefrau her. Dieser Ehemann verbündet sich mit ihrer Mutter gegen sie und sie überreden sie zunächst ein Kopftuch zu tragen.

Die Autorin, die selbst mit ihrer Mutter als Kind nach Spanien emigrierte, versteht es auf Schönste, der Zerrissenheit ihrer Protagonistin Ausdruck zu verleihen. Es ist auch die Wahrhaftigkeit manch einer Erfahrung, die diesen Roman so lesenswert macht. Er gewährt einen Blick ins Innere einer fremden Welt: Das betrifft die ritualisierte Hochzeitszeremonie genauso wie das stürmische Seelenleben der Ich-Erzählerin.

In dem Roman geht es um das Verhältnis von Tochter und Mutter, aber auch um Verhältnis der Tochter zur Sprache ihrer Mutter (Tamazight) sowie um Wertesystem, der Kultur und allem, was mit ihrer Herkunft zusammenhängt.
Ein anderes Thema des Romans ist der Rassismus in der heutigen Gesellschaft.
Die Autorin verbindet ihren Roman mit dem Appel, sich um diejenigen zu kümmern, die aufgegeben haben, sie zu bestärken, ihren eigenen Weg zu gehen, ihnen Zuflucht zu gewähren.

Najat El-Hachmi klagt niemanden an, sondern beschreibt unterschiedliche Lebensstile und die Schwierigkeit, sie zu verbinden oder sie zu wechseln.

Ein erstaunliches Buch, bestimmt auch Dank der wortschöpfenden Übersetzung von Michael Ebmeyer.

(R. Pohlmann)