22. Dezember

Amélie Nothomb: Klopf an dein Herz

Familie

Eine Bescherung gibt es bei mir zwei Mal jährlich: Am Heiligen Abend und dann, wenn ein neues Buch von der Erfolgsautorin Amélie Nothomb in die Buchhandlung kommt.

Diane, die Hauptfigur des Romans, hat es nicht einfach. Seit ihrer Geburt wird sie von ihrer narzisstischen Mutter Marie radikal abgewiesen, dann völlig ignoriert und vernachlässigt. Das zweite Kind, ihr Bruder, wird schon besser aufgenommen und bei dem dritten Kind, der kleinen Celia bekommt die Mutterliebe fast pathologische Züge. Diane zieht auf eigenem Wunsch zu ihren Großeltern, wo sie Geborgenheit und Liebe fühlt.

Nach dem Tod der Großeltern und nach Dianas Suizidversuch, Dank der Empathie des behandelnden Arztes, beschließt sie später selbst diesen Beruf zu ergreifen. Für die medizinische Fachrichtung erhält Diane den Anstoß durch die Verse des Dichters Alfred de Musset: „Klopf an dein Herz, denn dort sitzt das Genie.“

Während ihres Studiums der Kardiologie freundet sie sich mit der brillanten Dozentin Olivia an und mit großer Selbstlosigkeit befördert sie ihre akademische Karriere. Diese intensive Beziehung zerbricht in dem Moment, als Diane den wahren Charakter Olivias durchschaut und in Olivias verwahrloster Tochter einen Spiegelbild ihrer eigenen Kindheit begegnet.

Die geniale Amélie Nothomb hat wieder für ein überraschendes Ende gesorgt, das jetzt natürlich nicht verraten wird.

Die ganze Geschichte ist ein ausgezeichnetes Psychogramm. Durch ihre interessanten, eigenwilligen und spannenden Charaktere gelingt es Amélie Nothomb schnell beim Leser Sympathie und Abneigungen zu entwickeln. Ich liebe Amélies unvergleichbaren, dialogdominierten Schreibstil: Extrem kurz, knallhart und bitterböse, trotzdem sehr tiefsinnig und aussagekräftig. Sie besitzt die Gabe auf den Punkt zu kommen. Bissig legt sie ihren Finger in die Wunde und bringt die Emotionen der Hauptfigur so gut rüber, dass man Dianes Verletzungen, ihre tiefe Traurigkeit und Enttäuschung spüren kann und zu Tränen gerührt wird.

Du hast wieder ein Meisterwerk geschafft, Amélie. Danke! Ich freue mich auf die nächste Bescherung.

(Pohlmann)