4. Dezember

David Fuchs: Bevor wir verschwinden

Besondere Schicksale

Als angehender Arzt absolviert Benjamin sein Praktikum auf der Krebsstation eines Krankenhauses. Dass er dort ausgerechnet seiner Jugendliebe Ambros Wegener begegnet, hätte er sich nicht träumen lassen.

Ambros bleiben nur noch wenige Wochen, sein Körper ist voller Metastasen. Inmitten des Krankenhausalltags nähern sich die beiden behutsam wieder aneinander an, da ihnen bewusst ist, dass es nur die Augenblicke sind, die ihnen bleiben.

Die Geschichte selbst bietet keine leichte Kost – sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Die verwendete Sprache ist extrem klar, knapp, präzise, nüchtern, teilweise sehr distanziert- ohne Dialoge und langen Beschreibungen – konzentriert auf das Wesentliche: Die Essenz. Trotzdem geling es dem Autor eine wunderbare Atmosphäre zu schaffen, in der sich Lachen, Schmunzeln, Tränen, Rührung, Betroffenheit und Schmerz die Hand reichen. Fuchs glänzt beim Erzählen mit Lakonie und trockenem Humor, der dem gewichtigen Thema die Schwere nimmt.

Erzählt wird eine Liebesgeschichte, die man nur zwischen den Zeilen findet. Derjenige, der auf große und gefühlvolle Sätze hofft, wird enttäuscht. Fuchs bringt uns, im Wechsel zwischen den notwendig professionell kühlen, alltäglichen Verrichtungen auf der Onkologie und den Erinnerungen, Gefühlen und Erlebnissen Benjamins, die ganze Tragik und Problematik des langsamen Sterbens nah. Dabei wird der Leser auf eine emotional vielschichtige Reise zwischen Krankenzimmer, Schweine-Versuchsstation (wo Benjamin nachts seine Forschungen durchführt) und den persönlichen Begegnungen zwischen den teils skurrilen Protagonisten (Krankenschwester Ed, Oberarzt Dr. Wendelin Pomp, der sterbende Kubitschek, Frau Follert mit ihrem Wangentumor, Herr Otto mit seinem Lungenkrebs) mitgenommen.

Ein wunderbar berührendes Buch: Das tägliche Sterben aus der Sicht eines Mediziners, sachlich, aber nie respektlos den Strebenden gegenüber, sondern immer wertschätzend.

Mit dem Roman „Bevor wir verschwinden“ legte David Fuchs sein Romandebüt vor, das für mehrere Literaturpreise nominiert war. Der Autor arbeitet als Onkologe und Palliativmediziner in Österreich.

(Pohlmann)