Buchempfehlung im April (1)

Rafael Cardoso: Das Vermächtnis der Seidenraupe

Biografie

Die spannende Geschichte der Entstehung des Buches:Cardoso

Als Rafael Cardoso nach dem Tod seiner Großtante deren Haus in Sao Paulo ausräumte, stieß er auf einige Kartons mit Fotos, Briefen, Dokumenten sowie auf ein unvollendetes Romanmanuskript seines Urgroßvaters. Lesen konnte er hiervon allerdings nichts, da das meiste auf Deutsch geschrieben war. Erst einige Jahre später machte ihm eine junge Wissenschaftlerin, die an ihrer Dissertation über deutschsprachige Exilanten in Brasilien arbeitete, klar, was für einen Schatz er da besitzt. Sie erklärte ihm, dass sein jüdischer Urgroßvater – ein erfolgreicher Bankier, preußischer Finanzminister, bedeutender Kunstsammler und Mäzen in der Weimarer Republik – gewesen sei.

Cardoso, der überzeugt war, französische Wurzeln zu haben, erfuhr so plötzlich von seiner deutsch-jüdischen Herkunft. Als er sich der historischen Bedeutung seiner Familiengeschichte bewusst wurde, reiste er 2012 nach Berlin, lernte Deutsch und ging detailversessen dem Leben seiner Vorfahren nach.
Das Ergebnis seiner akribischen Nachforschungen ist das Buch „Das Vermächtnis der Seidenraupe“.

In dieser Dokumentation rekonstruiert der Autor das Leben seiner Urgroßeltern und Großeltern im Zeitraum 1930-1945. Bis zur Machtübernahme der Nazis lebten diese als angesehene Bürger in der Hauptstadt. Hugo Simon war Aufsichtsrat mehrerer Unternehmen, beriet die Berliner Nationalgalerie bei ihren Ankäufen sowie die Verlage Fischer und Ullstein; in der Mark Brandenburg betrieb er ein landwirtschaftliches Mustergut.

Im März 1933 floh er mit seiner Frau in die Schweiz, später nach Frankreich. 1941 gelangte die Familie schließlich mit gefälschten tschechischen Pässen über Spanien und Portugal nach Brasilien.

Die Stärke der faszinierenden, spannenden und unglaublichen Familiengeschichte besteht in der Fülle historischer Details, die der Autor zu einem Sittenbild zusammensetzt. Sehr interessant sind auch die drei Kapitel, „Zwischenspiele“ genannt, mit denen der Autor sein Buch zu einer politisch aktuellen Bestandsaufnahme werden lässt.

 

(R. Pohlmann)